Zufallswort-Technik

„Wenn Kreativität die Fähigkeit voraussetzt, Beziehungen zwischen vorher unbezogenen Erfahrungen oder Gedanken zu finden, eine Idee, ein Konzept oder eine Technik mit einer anderen Idee, einem anderen Konzept oder einer anderen Technik zu kombinieren (vgl. Sikora 2001, S. 11 f.), ist es zweifellos hilfreich, aus eingefahrenen Denkbahnen herauszukommen. Kreativitätstechniken sollen helfen, das Denken von seinen routinierten Wegen abzubringen, neue Fragen zu stellen und andere Perspektiven auf ein Problem einzunehmen. Viele bekannte Kreativitätstechniken greifen dabei auf drei Prinzipien zurück:

  • das Prinzip der Verfremdung,

  • das Prinzip der verzögerten Bewertung und

  • das Prinzip der zufälligen Anregung. (...)

Das Prinzip der zufälligen Anregung (random input) ist vor allem mit dem Namen Edward de Bono verknüpft. Seine Botschaft nimmt eine der wohl verbreitetsten Erfahrungen auf: daß wir häufig gerade dann nicht auf einen Namen oder einen Gedanken kommen, der uns „auf der Zunge liegt“, wenn wir verzweifelt mit aller Kraft logisch danach in unserem Gedächtnis graben. Wenn wir dagegen lateral denken, die Erinnerungs-Anstrengung lockern, über etwas Anderes nachdenken oder reden, blitzt das vorher Gesuchte plötzlich auf. Wir suchen ein Zweites und finden nebenbei und zufällig das Erste.

Diesem Zufall läßt sich methodisch auf die Sprünge helfen durch Kreativitätstechniken, die uns nahelegen, jede Information und jede Anregung zuzulassen, so belang- oder zusammenhangslos sie uns auch zunächst vorkommen mögen. Bewußt wählen können wir solche zufälligen Anregungen nicht, weil sie unserem gegenwärtigen, mit einem bestimmten Problem beschäftigten Denken entsprängen und keine wirkliche Provokation erzeugten. De Bono schlägt deshalb mehrere Verfahren vor, random inputs zu generieren:

1.   Man stellt eine  Liste von 60 durchnumerierten Substantiven zusammen (Feuer, Tisch, Schuhe, Nase, Hund Flugzeug, Hamburger, Tiger usw.). Wenn man dann ein Zufallswort braucht, schaut man auf seine Uhr und merkt sich, welche Sekunde sie gerade zeigt. Diese Ziffer weist auf das Wort aus der Liste, das jetzt zum Zuge kommt. Hat man eine Uhr, die Hundertstel-Sekunden anzeigt, kann man eine Liste mit hundert Wörtern zusammenstellen. Auf jeden Fall solle man jedes halbe Jahr die Liste ändern, um zu unverbrauchten Wörtern zu kommen.

2.   Man benutzt ein Wörterbuch, denkt sich eine Seitenzahl (z. B. S. 82) und die Position des Wortes auf dieser Seite (z. B. das achte Wort von unten). Wenn sich herausstellt, daß dieses Wort kein Substantiv ist, geht man weiter, bis das erste auftaucht.

3.   Man schließt die Augen und steckt einen Finger in eine Zeitung oder ein Buch und nimmt das dem Finger nächste Wort (de Bono 1996, S. 178 f.).

Ein Beispiel:

In einer geographiedidaktischen Lehrveranstaltung gebe ich den Seminarteilnehmern als Problem vor: „Ich möchte mein Kollegium überzeugen, daß wir im nächsten Schuljahr mit Freiarbeit beginnen sollten.“ Aus unserer Zufallswort-Dose (vgl. Mat. 2) zieht eine Studentin die (laminierte) Karte „Schiff“, stutzt, denkt nach und formuliert: „Was sind die Eigenschaften eines Schiffes? Es ist heute oft ein Ungetüm, von gewaltiger Masse, Kursänderungen lassen sich mit diesem trägen Gefährt nur langsam vollziehen. Es hat einen Kapitän, den ich zuerst von der Notwendigkeit eines Kurswechsels überzeugen muß, vielleicht auch noch den Ersten Offizier - auf jeden Fall aber den Smutje, denn wenn das Essen nicht schmeckt, ist eine Meuterei zu befürchten. Die Mannschaft müßte ich zu überzeugen versuchen, daß das neue Ziel auch für sie attraktiver ist, als am alten Kurs festzuhalten ...

Wer an meiner Schule der Kapitän ist, ist mir klar. Und der Erste Offizier? Und der Koch? Zu welchem Speiseplan könnte ich den überreden? Und wo liegen die Vorteile des neuen Ziels für die Mannschaft? Vielleicht sollte ich diese Vorteile erst einmal in Einzelgesprächen deutlich machen! Auf jeden Fall wird das alles wohl nicht aus dem Stand heraus gelingen. Ich muß geduldig und beharrlich und planvoll vorgehen.“

Die Zufallswort-Technik (auch „Reizwort-Analyse“, frz. „superposition“, vgl. Sikora 2001, S. 47 f.) läßt sich vorzüglich in Phasen einsetzen, wenn die Arbeit einer Gruppe stagniert, wenn „das verdammte weiße Blatt“ Angst vorm Anfangen eines längeren Projekts macht oder wenn zusätzliche Ideen gebraucht werden.

Die Lust an der spielerischen Einlassung auf die Verbindung von Unvereinbarem kann kreative Schübe freisetzen - wenn man jedenfalls einige Fallgruben meidet:

  • Es macht beim Einsatz dieser Technik keinen Sinn, zeigen zu wollen, wie geschickt man die Zufalls-Anregung an eine bereits gehegte Idee anschließen kann. Zweck der Technik ist, auf neue Ideen zu kommen, und nicht, sich mit Entschuldigungen für die Verfolgung alter Ideen zu versorgen.

  • Das gezogene Wort ist als gegeben zu akzeptieren und zu verwenden. Schon die Verwendung nur eines Wortteils, nur um einen zu den eigenen Ideen besser „passenden“ Begriff zu finden, gibt die provozierende Wirkung verloren.

  • Das gleiche geschieht, wenn man zu viele Denk- und Formulierungsschritte versucht: „Das bedeutet ... das führt dazu, daß ...und das erinnert mich daran ... usw.“ Bei zu vielen Schritten kommt man irgendwann bei einem schon gehegten Gedanken an und gibt die Wirkung der Provokation auf.

  • Man sollte auch nicht alle Charakteristika des Zufallswortes aufzuzählen versuchen; das birgt nur die Gefahr, daß man diese Liste durchgeht, bis man irgend etwas sehr gut „Passendes“ findet - und der provokative Effekt verloren ist. Mit dem ersten Merkmal anfangen und probieren, ob es funktioniert!

  • Die Regeln schließen wird deshalb auch aus, ein gezogenes Wort für unbrauchbar zu erklären und ein neues zu nehmen. Das läuft abermals nur darauf hinaus, auf ein Wort zu warten, das zu bereits bestehenden Ideen „paßt“. Der einzige Fall, in dem es zulässig ist, ein anderes Wort zu ziehen, liegt dann vor, wenn die Beziehung zwischen dem Problem und dem zuerst gezogenen Wort so schlagend und eng ist, daß ihre Verbindung keine Herausforderung darstellt (vgl. de Bono 1996, S. 181 f.).

(Den vollständigen Text, die Zufallswort-Liste und die Literaturverweise finden Sie im Artikel: Schramke, Wolfgang 2002: Kreativitätstechniken im Geographieunterricht; in: Praxis Geographie, H. 11, S. 4-8)